Komplex erzählte und bei aller Kopflastigkeit immens witzige Komödie über einen Schriftsteller in der Existenzkrise.

Kinostart: 21.05.1998

Caroline Aaron
als Doris

Woody Allen

Woody Allen
als Harry Block

Bob Balaban

Bob Balaban
als Richard

Handlung

Der Schriftsteller Harry Block wird von einer schwerwiegenden Schreibblockade geplagt, zu sehr lastet der Fluch vergangener Beziehungen auf seinem Gewissen. Als er von seinem ehemaligen College zu einer Preisverleihung eingeladen wird, macht er sich mit seinem Sohn, den er aus der Schule entführt, einer Prostituierten und einem Freund auf den Weg, wobei seine inneren und äußeren Konflikte endgültig kulminieren.

Writer's block - Schreibhemmung, genau dieser Alptraum eines jeden Schriftstellers hat den erfolgsverwöhnten Autor Harry Block ereilt. Der Vorschuß vom Verlag ist längst kassiert und ausgegeben. Da wird das Manuskript angemahnt und obendrein fangen Personen aus seinem Umfeld - unter anderem drei Ehefrauen, ein guter Freund, sein Vater und die Schwester - an, sich darüber zu beklagen, daß er sie als "Material" für seine Bücher hergenomen hat. Für den geplagten Harry beginnen, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verschwimmen...

Schriftsteller mit Schreibblockade bricht mit entführtem Sohnemann und Prostituierter auf zu einer Preisverleihung. Komplex erzählte und bei aller Kopflastigkeit immens witzige Komödie über einen Schriftsteller in der Existenzkrise. Woody Allen in Höchstform.

Kritik

Im 29. Jahr seiner Karriere als Regisseur läuft Woody Allen wieder einmal zu verblüffender Hochform auf. Seine altbekannten Themen hat er in dieser komplex erzählten und bei aller Kopflastigkeit immens witzigen Komödie über die inneren und äußeren Konflikte eines Schriftstellers in einer Existenzkrise untergebracht. Neu ist die gnadenlose Ehrlichkeit, mit der sich der New Yorker zu seinen Obsessionen und Dämonen bekennt: Mehr denn je scheint seine eigene Leinwandfigur untrennbar mit dem Privatmann Allen verbunden zu sein. Unterstützt von einem gewohnt namhaften Ensemble, in dem sich selbst Superstars wie Demi Moore und Robin Williams mit Minutenauftritten zufrieden geben müssen, dürfte "Deconstructing Harry" bei seiner Kinoauswertung ähnlich hohe Wellen schlagen wie bei der Eröffnung der Biennale.

"Deconstructing Harry" markiert eine Rückkehr zur Hochform von "Bullets Over Broadway", in dem ebenfalls explizit die primalen Urängste des Kreativen beim Erschaffen eines Werkes thematisiert wurden. Anders als der Erfolg von 1994, der in den dreißiger Jahren angesiedelt war, ist Allens neuer Ausflug in die Gedanken- und Gefühlswelt eines gequälten Künstlers allerdings ungleich persönlicher gefärbt. Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich: Wie diese Komödie von einer panischen, fast immer sexuell motivierten Verzweiflung getrieben wird, wie Allen sich hier zu Flüchen aus Tarantinos und Scorseses Verbaluniversum hinreißen läßt ("fuck" und "cocksucker" sind noch die harmlosesten) und sich zu Sex mit Prostituierten und lustvoll-masochistischer Erniedrigung bekennt, gibt diesem verwegen strukturierten Ausflug in die Psyche eines Kreativen eine unmittelbare, provokative Direktheit, die man in Allens Werken noch nicht gesehen hat.

Hauptfigur ist der von Allen gespielte Schriftsteller Harry Block, der von einer schwerwiegenden Schreibblockade geplagt wird, zu sehr lastet der Fluch vergangener Beziehungen zu ehemaligen Geliebten und seiner Schwester auf seinem Gewissen. Wie in "Wilde Erdbeeren" von seinem Vorbild Ingmar Bergman bildet eine Reise das Zentrum von "Deconstructing Harry". Harry wird von seinem ehemaligen College eingeladen, einen Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Weil er die Fahrt nicht alleine antreten will, sucht er in seinem Bekanntenkreis, zunächst vergeblich, nach einem Begleiter. Wenn er schließlich gegen Ende des Films ankommt, hat er eine Prostituierte, einen Toten und seinen Sohn mit an Bord, den er aus der Schule entführt hat. Gleichzeitig hat Allen zu diesem Zeitpunkt alle Fäden zusammengeführt, denn die Handlung entfaltet sich in pausenlosen Sprüngen zwischen Harrys realem Leben und seinen Kurzgeschichten, in denen er seine persönlichen Erlebnisse wenig verkleidet verarbeitet hat. So entsteht ein spannendes Psychogramm, das einen Mann entlarvt, der unfähig ist, erwachsen zu werden. Je weiter sich die Elemente zusammenfügen, desto mehr fällt der Mensch Harry auseinander, bis sich Fiktion und Realität tatsächlich überschneiden - und der bislang doch relativ leicht nachvollziehbaren Handlung einen neuen Dreh ins Abstrakte und Surreale verleihen.

"Deconstructing Harry" ist voller exquisiter Höhepunkte. In einer Kurzgeschichte spielt Robin Williams einen Mann, der buchstäblich "unscharf" ist - ein Schicksal, das Allen später in der Realität selbst ereilt. In einer Traumsequenz trifft Allen in der Hölle auf den von Billy Crystal gespielten Teufel und führt ein hinreißend komisches Gespräch mit ihm. Aber die womöglich stärkste Szene findet in der Realität statt, wenn Allen von seiner von Kirstie Alley gespielten Ehefrau und Psychiaterin mit einer Flutwelle von Beschimpfungen überschüttet wird, während im Nebenzimmer ein Patient wartet. Viele der eingewobenen Storys kennt man aus Woody Allens Kurzgeschichtensammlungen. Hier fügt er sie zu einem Film aus einem Guß zusammen, in dem er virtuos wie lange nicht mehr Superstars und filmische Mittel einsetzt. Ein Leckerbissen, auf den man sich die nächsten elf Monate freuen darf, bis ihn die Kinowelt in die deutschen Kinos bringt. Eine Wartezeit, die sich lohnt. ts.

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Info

Plakat des Films: Harry außer sich
  • FSK ab 12 freigegeben

FSK: ab 12

Kinostart: 21.05.1998

USA 1997

Länge: 1 h 36 min

Genre: Komödie

Originaltitel: Deconstructing Harry

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

Produktion: Jean Doumanian

Kostüme: Suzy Benzinger

Kamera: Carlo Di Palma

Schnitt: Susan E. Morse

Ausstattung: Santo Loquasto

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