Zweiter Teil von Lars von Triers ungewöhnlichen Monumentalwerk über eine Nymphomanin.

Kinostart: 03.04.2014

Handlung

An einem kalten Winterabend findet der Junggeselle Seligman eine übel zugerichtete Frau in einer Gasse hinter seinem Haus. Er nimmt Joe, die sich selbst als Nymphomanin bezeichnet, mit in seine Wohnung, wo er ihre Wunden versorgt und sie fragt, was ihr passiert ist. Ein langes, intimes und detailreiches Gespräch entspinnt sich. Aufmerksam hört der ältere Mann zu, während Joe - in acht Kapiteln - die lustvolle, verzweigte und facettenreiche Geschichte ihres Lebens, von ihrer Geburt bis zu ihrem 50. Lebensjahr, erzählt.

Eine selbsterklärte Nymphomanin lässt aus gegebenem Anlass ihr ereignisreiches Leben Revue passieren. Sex, schwarzer Humor, und die Dinge des Lebens in einem um kulturelle Querverweise nicht verlegenen Kinoexperiment.

Kritik

Vier Stunden sucht Lars von Trier nach der Philosophie in der Pornografie, während er eine Nymphomanin aus ihrem ereignisreichen (Sex)Leben erzählen lässt.

Sowohl bei seinen Fans als auch bei seinen Verächtern waren die Erwartungen hoch, als Lars von Trier einen Film über das Leben einer Nymphomanin ankündigte. Und das erklärte Entfant terrible des europäischen Kinos enttäuscht nicht. Sowohl visuell, als auch inhaltlich liefert er wieder jede Menge Angriffsfläche. Dabei hat er so viel zu erzählen, dass gleich zwei rund zweistündige Filme daraus wurden, wobei selbst diese Kinoversionen immer noch gegen den Wunsch des Regisseurs, wie ein Text vor Filmbeginn den Zuschauer wissen lässt, gestrafft werden mussten. Der längere Director's Cut wird wohl auch nicht regulär ins Kino kommen und lediglich auf Sondervorführungen, wie bei der 64. Berlinale auf großer Leinwand zu sehen sein. Dieser Besprechung liegen somit auch beide Teile zusammen in ihren jeweiligen Kinoversionen zu Grunde.

Doch auch so verlangt das Werk einiges an Überwindung, denn insgesamt vierstündiges Oszillieren zwischen Pornografie und Philosophie verspricht nicht unbedingt einen entspannten Kinoabend. Umso erstaunlicher ist, dass Langatmigkeit nie aufkommt. Zu viel packt von Trier in seine Geschichte der Nymphomanin Joe, die eines Tages von Herrn Seligman, gespielt von Stellan Skarsgård, zusammengeschlagen in einem Hinterhof gefunden wird. Als er sie zum Aufpäppeln mit in seine Wohnung nimmt, erzählt sie ihm in acht Kapiteln die Geschichte ihres (Sex)Lebens. Dabei lässt sie keine Praktik zum Lustgewinn aus und springt von Masturbation zu Analsex zu Pädophilie zu Sadomasochismus zu einer Ménage à trois und zurück. Dies wird regelmäßig von Seligman kommentiert, der auf Grund seiner Asexualität von Joes Ausführungen zwar nicht körperlich, so aber doch geistig erregt wird und sein angelesenes kulturelles sowie philosophisches Wissen zum Thema zum Besten gibt - sei es Wissenswertes über die Griechisch-orthodoxe Kirche, die Fibonacci-Folge oder Lehren des Fliegenfischens. Immer wieder bricht der Film zwischen (zum Teil Hardcore-)Sexszenen und dem Erklärbären Seligman und führt somit den für von Trier typischen Kampf zwischen triebhafter Natur und vernunftgeleiteter Kultur fort. Leider kommt er dabei über ein bildungsbürgerliches Name-dropping nicht hinaus.

Überraschend fallen die amüsanten Töne aus, wenn zum Beispiel Uma Thurman als gehörnte Ehefrau auftaucht und ihren Ehemann bei seiner Gespielin Joe gemeinsam mit dessen Kindern an den Essenstisch bittet. In anderen Momenten ist nicht ganz klar, ob die Komik freiwillig ist. Etwa als Seligman die Partnervielfalt von Joe mit Johann Sebastian Bachs Suche nach Harmonie in der von ihm perfektionierten Polyphonie vergleicht, und im Anschluss im Splitscreen drei exemplarische Lover nebeneinander über Joe herfallen, wobei auch noch eine Raubkatze ihrem Opfer in den Nacken beißen darf und die ganze Szenerie mit Klassik-Klängen untermalt wird. Porno-Ästhetik trifft Hochkultur - subtil geht anders.

Inszenatorisch und visuell schöpft von Trier dabei aus dem Vollen. Immer wieder wirken die Settings wie Theaterbühnen, perfekt gefilmt und kadriert von Kameramann Manuel Alberto Claro, mit dem von Trier schon bei "Melancholia" zusammenarbeitete. Und auch bei der Besetzung überließ der Regisseur nichts dem Zufall: Neben Skarsgård und Thurman beeindrucken vor allem Stacy Martin und Charlotte Gainsbourg, die die junge bzw. ältere Version von Joe mimen und dabei vollen Körpereinsatz zeigen, gleichwohl sie in den freizügigsten Momenten von Body-Doubles ersetzt wurden. Auch Shia LaBeouf spielt offenherzig eine große Rolle, als selbstverliebter Unsympath und bezeichnenderweise einzige Liebe Joes. Andere Darsteller, wie z. B. Udo Kier dürfen dahingegen nur kurz vorbeischauen.

Am Schluss erklärt Seligman, warum die ganze Geschichte erst durch eine Frau als Protagonistin zu einer interessanten wird: Ein Mann, der sein Sexleben egoistisch auslebt, der sein eigenes Kind der Lust wegen verlässt, der sich in die Falsche verliebt und am Trieb zu Grunde geht? All das hätte wohl niemanden hinter dem Kinosessel hervorgelockt. Bei einer Frau hingegen schauen wir zweimal hin. Ob von Trier dies als Reaktion auf die Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit nach "Antichrist", dessen Anfang er in einer Szene selbst zitiert, eingebaut hat, bleibt offen. Jedenfalls lässt er dieses Mal mit der letzten Szene keinen Zweifel daran, dass seine Misanthropie auch Männer trifft, wenn selbst Asexualität nicht vor Triebhaftigkeit schützt. mahe.

Wertung Questions?

FilmRanking: 12303 -1810

Filmwertung

Redaktion
-
User
-
Deine Wertung

Action

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Humor

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Gefühl

Red.
-
User
3.5
Deine Wertung

Spannung

Red.
-
User
5
Deine Wertung

Anspruch

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Info

  • FSK ab 16 freigegeben

FSK: ab 16

Kinostart: 03.04.2014

Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2014

Länge: 2 h 4 min

Genre: Drama

Originaltitel: Nymphomaniac : Volume II

Regie: Lars Trier, Anders Refn

Drehbuch: Lars Trier

Produktion: Louise Vesth

Kostüme: Manon Rasmussen

Kamera: Manuel Alberto Claro

Schnitt: Molly Stensgård

Ausstattung: Simone Grau

Website: http://www.nymphomaniac-derfilm.de

Newsletter

Hol' dir jetzt den KINO&CO Newsletter!
Der schnelle Überblick über unsere Blockbuster und Top-Gewinnaktionen der Woche.