Franz Rogowski in einer raffiniert-zeitgemäßen Literaturverfilmung von Christian Petzold um einen Flüchtling, der eine fremde Identität annimmt.

Kinostart: 05.04.2018

Handlung

Georg (Rogowski) ist auf der Flucht. Um zu überleben, zögert er nicht, die Identität eines kommunistischen Schriftstellers anzunehmen, der sich im besetzten Paris das Leben genommen hat.

Als Georg sich in Marseille, wo alle Flüchtlinge auf ein Schiff nach Irgendwo warten, ausgerechnet in Marie verliebt, die Frau des Schriftstellers, die nichts vom Schicksal ihres Mannes weiß, werden die Dinge kompliziert. Paula Beer ("Frantz", "Bad Banks") spielt diese Marie im schwarzen Trenchcoat als geheimnisvolle Unbekannte, als Femme fatale.

Christian Petzold ("Phoenix") verfilmt mit dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers aus dem Jahr 1944 sein erklärtes Lieblingsbuch. Aber er liefert keine Eins-zu-eins-Adaption ab, sondern verlegt den Plot der eigentlich im Dritten Reich spielenden Flüchtlingsgeschichte in die Gegenwart. Ein irrer Effekt, denn plötzlich sind die vor den Nazis Fliehenden auch die Flüchtlinge von heute.

Damit gelingt Petzold nach "Barbara" ein weiterer Triumph, der im Berlinale-Wettbewerb gefeiert wurde.

Kritik

Zwischen Melodram und Film noir angesiedeltes Drama nach Anna Seghers Roman.

Eine furiose Volte schlägt Christian Petzold in "Transit", seinem ersten Film seit "Phoenix" vor vier Jahren, die man seiner Verfilmung des Romans von Anna Seghers aus dem Jahr 1942 erst einmal abnehmen muss: Denn Petzold übernimmt zwar Plot und Setting der Vorlage, siedelt die Geschichte aber in der Gegenwart an, als würden die Nazis im Hier und Jetzt Frankreich besetzen. Das hat einen irren Effekt und verleiht dem Film eine ungewöhnliche politische Dimension in einer Zeit, in der Rechtsradikalismus in Europa wieder hoffähig wird: So ganz unvorstellbar ist das Schreckensszenario von "Transit" heute nicht mehr. Außerdem schlägt der Berliner Filmemacher mit seiner Geschichte eines jüdischen Flüchtlings, der sich von Paris nach Marseille durchschlägt, wo er sich mit tausenden Anderen die nötigen Papiere verschaffen will, um nach Amerika übersetzen zu können, eine zusätzliche Brücke in die Politik unserer Zeit: Er erlaubt einen ganz anderen Blick auf die Flüchtlingsproblematik, wenn es jetzt verzweifelte deutsche Juden sind, die unbedingt Europa verlassen müssen, wenn sie eine Überlebenschance haben wollen.

All das verleiht dem bestechend aussehenden Melodram mit seinen oft unbehausten Scopebildern eine zusätzliche Dringlichkeit, eine elektrisierende Ladung, die die Handlung nach vorne katapultiert. Ganz wunderbar ist Franz Rogowski in der Rolle des Georg, ein Radio- und Fernsehtechniker, der zunächst einfach nur überleben will und deshalb auch nicht davor zurückschreckt, auf der Flucht die Identität eines kommunistischen Schriftstellers anzunehmen, der sich in Paris das Leben genommen hat. In Marseille werden die Dinge auf einmal kompliziert, als Georg ausgerechnet die Frau des Schriftstellers kennenlernt, die nichts von dem Schicksal ihres Mannes weiß: Paula Beer spielt diese Marie als Unbekannte, die in ihrem ätherischen Auftreten auch ein Geist sein könnte und mit ihrem Look in einem schwarzen Trenchcoat auf die Femmes fatales der Filmgeschichte verweist, die sich von den Männern nehmen, was sie wollen.

Überhaupt fühlt man sich in Petzolds erstem Film ohne seine Muse Nina Hoss seit 2005 an einen modernen Film noir erinnert, in dem die Handlung viel zu viele Wendungen nehmen würde, wenn dieser Zickzackkurs nicht am Ende zu einer emotional vernichtenden Auflösung führen würde. Zusätzliche Distanz schafft ein literarisch wirkender Off-Komentar, wie ihn Stanley Kubrick in "Barry Lyndon" oder Dominik Graf in "Der Felsen" verwendet hat: ein allwissender Erzähler, der dieses Spiel mit Zufällen und Kismet beinahe belustigt kommentiert. Am Ende ist es aber Rogowski, den man Erinnerung behält, als Mann zwischen den Welten und den Epochen (sein Jacket sagt Gegenwart, seine Hose sagt Vierzigerjahre), mit seinem hageren, ausgezehrten Gesicht und tief in den Höhlen liegenden Augen: Wie er das eigene Schicksal hintanstellt, um das Richtige zu tun, und doch zu scheitern, das nimmt einen mächtig mit. Und am Schluss singen die Talking Heads "We're on a road to nowhere." Noch Fragen? ts.

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Info

  • FSK ab 12 freigegeben

FSK: ab 12

Kinostart: 05.04.2018

Deutschland 2018

Länge: 1 h 41 min

Genre: Drama

Originaltitel: Transit

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold

Musik: Stefan Will

Produktion: Michael Weber, Florian Koerner von Gustorf, Antonin Dedet

Kostüme: Katharina Ost

Kamera: Hans Fromm

Schnitt: Bettina Böhler

Ausstattung: Kade Gruber

Website: http://www.transit-der-film.de

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