Dominik Moll auf den Spuren von David Lynch: Psychothriller über einen erfolgreichen Angestellten, dessen Leben aus der Bahn gerät, als sich die Ehefrau seines Chefs vor seinen Augen tötet.

Kinostart: 13.07.2006

Handlung

Alain (Laurent Lucas) ist der Hoffnungsträger aller Internetvoyeure. Jedenfalls entwickelt der Ingenieur in seiner prächtigen Villa am Stadtrand gerade eine fliegende Webcam. Gemeinsam mit Gattin Bénédicte (Charlotte Gainsbourg) könnte er also rundum glücklich sein. Doch fallen seit neustem mal mehr, mal weniger merklich Schatten auf das Idyll. Eine Affäre im Büro, ein aus den Fugen geratenes Abendessen mit dem Chef, ein toter Nager im Ausguß. Und was überhaupt hat ein Lemming in Südfrankreich verloren?

Unvermutete Wendungen, Abgründe hinter bürgerlichen Fassaden und eine Spitzenbesetzung in einem rabenschwarzen Beziehungskrimi aus Frankreich.

Alain Getty feiert in seiner Firma als Ingenieur Erfolge und lädt seinen Chef Richard und dessen Ehefrau Alice zum Abendessen ein. Entsetzt werden Alain und seine aufgelöst wirkende Gattin Bénédicte Zeugen eines heftigen Streits. Tage später gelingt es Alice beinahe, Alain zu verführen. Später taucht sie bei Bénédicte auf, um ihr davon zu berichten - und tötet sich darauf im Haus des jungen Ehepaars. Startschuss eines albtraumhaften Trips, in dem auch kleine Nager eine gewichtige Rolle spielen.

Glücklich scheint die Ehe von Alain und Bénédicte Getty, doch eines Tages läuft ihr Leben urplötzlich aus dem Ruder. Alains Chef, Richard Pollock und dessen Gattin Alice haben sich zum Abendessen angesagt. Das Dinner gerät zum Desaster, Alice bezichtigt ihren Mann wütend des wiederholten Ehebruchs und der Gefühlskälte, nur um später zu versuchen, Alain zu verführen - derweilen Bénédicte sich langsam für Richard zu interessieren beginnt. Und plötzlich taucht auch noch ein verirrter Lemming im Abflussrohr auf.

Kritik

Dominik Moll begibt sich in "Lemming", Eröffnungsfilm des Festival de Cannes 2005, mit einem surrealen Thriller mitten in die Albtraumwelten eines David Lynch.

Dominik Molls Regie-Erstling "Harry meint es gut mit dir", der Sergi Lopez in Cannes 2000 den Darstellerpreis einbrachte, ist das Sprungbrett für "Lemming". Zunächst empfiehlt er sich gleichfalls als Psychothriller mit pechschwarzem Humor sowie Anleihen bei Hitchcock und sogar Tati (der Fluch der Technik!), um dann aber nach einer überraschenden Plotentwicklung wilde Volten zu schlagen und mit einer zunehmend surrealen Note und kontrolliertem Wahnsinn auf eine Katastrophe zuzusteuern. Tempo und Nachvollziehbarkeit dieses Albtraums über ein junges harmonisches Paar, das von einem streitbaren älteren Ehepaar vereinnahmt wird, spielen bei dem Eintauchen in die verstörenden Albtraumwelten eines David Lynch bald nur noch eine untergeordnete Rolle, aber dank des Spiels des brillanten Quartetts Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, André Dussollier und Charlotte Rampling belibt dieser Psychotrip von Anfang bis Ende elektrisierend.

In den Mittelpunkt rücken immer wieder die titelgebenden Lemminge, jene in Skandinavien lebenden, dem Hamster ähnlichen Nager, denen - fälschlicherweise, wie der Film behauptet - nachgesagt wird, sie hätten einen Hang zum Massenselbstmord. Zum einen gibt es hier einen tatsächlichen Lemming, den der erfolgreiche junge Ingenieur Alain Getty in seinem neuen Zuhause als Ursache für eine verstopfte Wasserleitung entdeckt, ohne dass sich jemand erklären könnte, wie der kleine Kerl nach Südfrankreich, geschweige denn in das Rohr kommen konnte. Zum anderen übernimmt die von Charlotte Rampling gespielte Alice Pollock in der verblüffend raffiniert gesponnenen Geschichte gewissermaßen die Rolle des Lemmings. Mit ihrem Mann Richard, Alains Chef, wird sie von den Gettys zum Dinner eingeladen. Sofort ist klar, dass der Abend nur schief laufen kann. Die glücklichen, aufrichtig ineinander verliebten Gettys auf der einen, die einander überdrüssigen Pollocks auf der anderen Seite. Als Alice ihren Gatten der Vielweiberei und Herzlosigkeit bezichtigt, setzt sie eine, wie sich später herausstellt offensichtlich geplante, Kette von Ereignissen in Bewegung, die den Gettys nach und nach den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenig später versucht Alice, Alain spätabends im Büro zu verführen, und erzählt seiner Frau Benedictine am nächsten Tag davon. Das reicht aus für die Saat des Zweifels, doch Alice geht in ihrer Rache noch weiter, so weit gar wie die ultimative Femme fatale Gene Tierney in John M. Stahls Technicolor-Noir "Todsünde" aus dem Jahr 1945: Ihr Selbstmord setzt eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die noch unzulänglich beschrieben sind. wenn man sie völliger Wahnsinn nennt. Alldieweil überfluten immer noch mehr Lemminge das Haus der Gettys. Verblüffend ist, wie es Dominik Moll, seinen vermeintlich völlig aus dem Ruder gelaufenen Film zu einem nachvollziehbaren Ende zu bringen und sogar viele der offenen Fragen zu beantworten. Warum er es allerdings vorzog, seinen brillant inszenierten Geschlechterkrieg aufzugeben und die Abzweigung ins Surreale zu wählen, bleibt sein Geheimnis. Und das ist allemal faszinierend. ts.

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Info

Plakat des Films: Lemming
  • FSK ab 12 freigegeben

FSK: ab 12

Kinostart: 13.07.2006

Frankreich 2005

Länge: 2 h 10 min

Genre: Drama

Originaltitel: Lemming

Regie: Dominik Moll

Drehbuch: Gilles Marchand, Dominik Moll

Musik: David Whitaker

Produktion: Michel Saint-Jean

Kostüme: Isabelle Pannetier, Virginie Montel

Kamera: Jean-Marc Fabre

Schnitt: Mike Fromentin

Ausstattung: Michel Barthélémy

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