Faszinierendes Psychodrama über eine Frau, die ihre Familie verlassen hat und um einen Neuanfang ringt.

Kinostart: 08.02.2018

Handlung

Nora will ihrem alten Leben entkommen. Sie irrlichtert durch Wien und später Bratislava, lässt sich auf Abenteuer mit Männern ein, arbeitet als Zimmermädchen, freundet sich mit einer Stripperin an, testet aus, wie sich das anfühlt, jemand Anderes zu sein. Während in Berlin ihr Ehemann mit ihrem unvermittelten Verschwinden ringt. Er ist überfordert mit seinen zwei Kindern und einer Affäre mit einer ehemaligen Kollegin Noras, die gerne eine feste Beziehung will.

Kritik

Faszinierendes Psychodrama über eine Frau, die ihre Familie verlassen hat und um einen Neuanfang ringt.

Wer seinen Film ganz lapidar "Freiheit" nennt, der weiß, dass er liefern muss. Jan Speckenbach liefert. Weil er, der Regisseur, Autor und Schnittmeister in Personalunion ist, eine Geschichte erzählt, die Substanz hat. Weil er Schauspieler hat, die die schwierigen Rollen überzeugend mit Leben erfüllen. Und weil er das technische Rüstzeug mitbringt, um seinen faszinierenden zweiten Spielfilm so anlegen zu können, dass er sein großes Geheimnis lange Zeit geschickt behütet und so zwar immer Psychogramm verwundeter Seelen, aber doch spannend wie ein Thriller ist. Der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb des 70. Locarno Film Festival zeigt Menschen in Bewegung und doch eingefroren, zwischen zwei Abschnitten und zwei Leben, im Limbo, im Schwebezustand, auf der Suche nach Freiheit und konfrontiert mit der Erkenntnis, dass sie sich vielleicht nicht einstellen mag, weil man sich doch nie von sich selbst und dem bisher Erlebten lösen kann. Oder wie schon die Weisheit aus der griechischen Mythologie sagt, die "Freiheit" voranstellt: Bevor Tote wiedergeboren werden können, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, der sie ihr vorheriges Leben vergessen lässt.

Flüsse sieht man immer wieder im Film und Brücken, die über sie führen. Einmal trinkt die Hauptfigur, Nora, gespielt von Johanna Wokalek, sogar buchstäblich aus einem Fluss. Aber ihr altes Leben, dem sie entkommen will, wie nach und nach preisgegeben wird, kann sie dennoch nicht entkommen. So irrlichtert sie durch Wien und später Bratislava, lässt sich auf Abenteuer mit Männern ein, arbeitet als Zimmermädchen, freundet sich mit einer Stripperin an, testet aus, wie sich das anfühlt, jemand Anderes zu sein: Als sie sich die Haare abschneidet, schert sie nur die eine Hälfte, die andere bleibt lang. Nichts Halbes und nichts Ganzes. So wie ihr Leben. Während in Berlin ihr Ehemann, gespielt von Hans-Jochen Wagner, immer noch mit den Nachwehen und Wunden ringt, die ihr unvermitteltes Verschwinden mit sich gebracht hat: Er ist sichtlich überfordert mit seinen zwei Kindern und einer Affäre mit einer ehemaligen Kollegin Noras, die gerne eine feste Beziehung will. Auch sein Leben befindet sich im luftleeren Raum.

Zwischen den beiden Protagonisten schneidet der Film, füllt nach und nach die nötigen Informationen und Zusammenhänge, bis "Freiheit" eine furiose Volte macht und zurückspringt in der Zeit, zwei Jahre: Jetzt erlebt man mit, wie es zu Noras Schritt kam, was wirklich passiert ist. Und mit einem Mal stellt sich eine emotionale Dimension ein, die Speckenbachs so nüchterne Chronik der Ereignisse bislang gefehlt hatte: Wenn er Noras Ringen zeigt, ihr Leben, ihren Mann, ihre Kinder hinter sich zu lassen, in einer langen Einstellung gedreht und mit einem Chanson von Marlene Dietrich - "Wenn ich mir was wünschen dürfte..." - unterlegt, dann ist Gänsehaut angesagt. Ganz konsequent landet der Film schließlich wieder an einem Fluss, wieder mit einer Brücke im Hintergrund. Und "Freedom", die Woodstock-Hymne von Richie Havens, ertönt, doch so richtig hört man nur die Zeile "Sometimes I feel like a motherless child". Da weiß man, dass die Freiheit, die Speckenbach meint, ein Gefängnis ist, aus dem man nicht entkommen kann. ts.

Wertung Questions?

FilmRanking: 1256 +98

Filmwertung

Redaktion
-
User
-
Deine Wertung

Action

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Humor

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Gefühl

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Spannung

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Anspruch

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Info

  • FSK ab 12 freigegeben

FSK: ab 12

Kinostart: 08.02.2018

Deutschland/Slowakei 2017

Länge: 1 h 43 min

Genre: Drama

Originaltitel: Freiheit

Regie: Jan Speckenbach

Drehbuch: Andreas Deinert, Jan Speckenbach

Produktion: Sol Bondy, Jamila Wenske

Kamera: Tilo Hauke

Schnitt: Jan Speckenbach

Ausstattung: Juliane Friedrich

Website: http://www.filmkinotext.de/freiheit.html

Ticker

Kino&Co Newsletter

Hol' dir jetzt den KINO&CO Newsletter!
Der schnelle Überblick über unsere Blockbuster und Top-Gewinnaktionen der Woche.