21 Tänzer und eine Party mit Drogen: abgefahrener Exzess zwischen Drama und Thriller von Gaspar Noé.

Kinostart: 06.12.2018

Handlung

21 junge Tänzer sind bereit. Ein Tag noch, dann werden sie auf Tournee gehen, erst in Frankreich, dann in den USA. Vor der Abreise haben sie sich versammelt. Sie wollen zusammen tanzen. Sich näher kommen. Reden und feiern. Unablässig pumpt die Musik Beats in den Raum. Sangria fließt in Strömen. Die Stimmung ist bestens.

Bis Selva (Sofia Boutella) eine Entdeckung macht: Jemand hat Drogen in die Drinks gemischt. Nach und nach beginnen sie zu wirken. Panik macht sich breit. Der Schuldige wird gesucht, ein kollektiver Horrortrip beginnt. Aus Angst wird Paranoia, aus unterschwelliger Aggression offene Gewalt, aus Zuneigung unkontrollierte Begierde.

Die energetische Choreographie löst sich in Chaos auf. Die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen, als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt. (Quelle: Verleih)

Kritik

Wenn die Erwartungen auch noch so hoch gewesen sein mochten, nichts konnte einen vorbereiten auf die gnadenlose Brillanz von "Climax", den Gaspar Noé im Februar 2018 in 15-tägigen Dreharbeiten realisiert hatte, der bei seiner Vorführung in Cannes mehrfach Szenenapplaus erhielt von einem Publikum, das völlig elektrisiert war von dem unglaublichen und unglaublich kompromisslosen Spektakel auf der Leinwand. Wenig wusste man im Vorfeld, bestenfalls dass es um eine Truppe von Streetdancern Mitte der Neunzigerjahre gehen sollte und man sich auf etwas gefasst machen musste. Das ist bei Noé ja immer so. Der Einstieg, der mit dem Ende und dem Abspann beginnt, verweist auf "Irreversibel", seinen immer noch besten Film, in dem Noé sein ewiges Thema von der "Temps detruit tout" erstmals vollumfänglich formulierte. Auch jetzt zerstört die Zeit wieder alles, ist der Tod allgegenwärtig, aber bis "Climax" seine unweigerliche Höllenfahrt antritt, wird erst einmal das zerbrechliche Leben in vollen Zügen zelebriert. Auf einem Videoband stellen sich die Tänzer einer gerade zusammengestellten französischen Streetdance-Truppe vor, die durch die USA touren will, eine bunt gemischte Truppe, Jungs, Mädchen, schwarz, weiß, hetero, schwul, aus Frankreich, aus Afrika, aus Berlin, alle topfit und heiß aufs Tanzen. Neben dem Fernseher, auf dem das Band abgespielt wird, stapeln sich die VHS-Kassetten von Filmen, vor denen Noé sich verbeugt: Zulawskis "Possession", Argentos "Suspiria", Kobayashis "Harakiri", Bunuels "Der andalusische Hund" usw. Die Titel sind auch, wie man sich denken kann, ein Versprechen für das, was folgen wird.

Mit einer sensationell choreographierten Tanznummer und einem ersten unfassbar langen Take, in dem sich die Kamera von Noés Dauermitstreiter Benoît Debie unglaublich elegant um die 20 Protagonisten schlängelt, von denen Sofia Boutella das bekannteste Gesicht ist, beginnt der eigentliche Reigen, wird der Schauplatz abgesteckt: eine Turnhalle in einer abgelegenen Schule, die auch die Hütte in "Tanz der Teufel" sein könnte. Hier bricht die Hölle los, als die jungen Leute feststellen, dass offenbar jemand LSD in ihre Drinks getan hat, und nun nach und nach den Verstand verlieren. Der Film trägt zur allgemeinen Verstörung bei. Mittendrin streut Noé die knalligen Anfangstitel ein, wiederholt blendet er Schrifttafeln ein. "Life is a collective impossibility" heißt eine, "Death is an extraordinary experience" eine andere. Das sind auch willkommene Unterbrechungen, beinahe Lacher, während die Selbstzerfleischung in den Räumen zu ohrenbetäubender House- und Technomusik von Aphex Twin oder Daft Punk immer extremere und groteskere Züge annimmt. Aber obwohl sich ein Mädchen mit dem Messer durchs Gesicht schneidet und ein anderes in Flammen aufgeht, hält sich die explizite Gewalt in Grenzen. Was einen mitnimmt und packt und rüttelt und schüttelt und nicht mehr los lässt, ist der Umstand, dass es Noé Kraft seines filmemacherischen Könnens gelingt, diesen Horrortrip unmittelbar mitzuerleben. Jedes Bild, jede Farbe, jede Einstellung, jeder Ton sind geplant. Er ist der ultimative Choreograph, und ihm ist es gelungen, hier all das endlich umzusetzen, was er seit "Enter the Void" versprochen hat. Kino, das nur sich selbst verpflichtet ist. Und das alle Sinne involviert, weil Noé der letzte Filmemacher ist, bei dem man sich fragt: Wie hat er das gemacht? ts.

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Info

  • FSK ab 16 freigegeben

FSK: ab 16

Kinostart: 06.12.2018

Frankreich 2018

Länge: 1 h 33 min

Genre: Drama

Originaltitel: Climax

Regie: Gaspar Noé

Drehbuch: Gaspar Noé

Website: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/climax.html

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