Fassbinder meets Vinterberg, gemeinsam feiern sie ein Fest in Oskar Roehlers Familiengeschichte der bösen Art mit einem hochkarätigen Schauspiel-Ensemble.

Kinostart: 14.10.2004

Martin Weiß

Martin Weiß
als Agnes

Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu
als Hans-J

Herbert Knaup

Herbert Knaup
als Werner

Katja Riemann
als Signe

Tom Schilling
als Ralf

Suzan Anbeh
als Desiree

Vadim Glowna
als G

Margit Carstensen
als Roxy

Lee Daniels
als Henry

Marie Zielcke
als Nadine

Oliver Korittke
als Rudi

Martin Semmelrogge
als Manni Moneto

Martin Feifel
als Hannes

Sven Martinek
als J

Til Schweiger
als Freund in Bibliothek

Handlung

Drei Brüder, drei grundverschiedene Lebenswege: Bibliothekar Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu) lebt, wenn er nicht gerade Schmöker sortiert, ganz für seine sexuelle Obsession, den Voyeurismus. Werner (Herbert Knaup) avancierte zum weithin geachteten Politiker und ist standesgemäß, aber nicht gerade glücklich verheiratet und Vater eines rebellischen Sohns. Agnes (Martin Weiß) schließlich wurde vom Herrn zur Dame und schlägt sich als Revuefaktotum durchs Nachtleben. Was sie verbindet, ist der gemeinsame Hass auf ihren Übervater - bis einer von ihnen zum Befreiungsschlag ausholt.

Oskar Roehler

Werner ist Grünen-Politiker, hat eine attraktive Frau, zwei Kinder, Hund und eine schicke Villa. Alles Makulatur, hinter der Fassade tobt der Ehekrieg. Sein Bruder Hans-Jörg ist ein bindungsloser Loser, der eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige besucht. Der dritte Spross ist Agnes, eine Tänzerin, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung Frau und Kind hatte. Bei der Fahrt zum Vater kommt es zum Eklat, als Hans-Jörg Missbrauchsanschuldigungen aus der Vergangenheit heraufbeschwört und das Auto verlässt, während die zwei anderen bei der Visite auf Harmonie machen.

Der Grünen-Politiker Werner führt in schmucker Villa ein Luxusleben, doch Frau und Sohn haben sich längst von ihm losgesagt. Unterdessen versucht Werners Bruder Hans-Jörg, ein alleinstehender Bibliothekar, seine Sexsucht in einer Selbsthilfegruppe in den Griff zu kriegen. Und dann ist da noch Agnes, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung Frau und Kind hatte und jetzt als Tänzerin durch die Nachtclubs tingelt. Als sich die drei ungleichen Geschwister nach langer Zeit wieder treffen, brechen alte Wunden auf, es kommt zum Eklat.

Kritik

Fassbinder meets Vinterberg, gemeinsam feiern sie ein Fest in Oskar Roehlers Familiengeschichte der bösen Art mit einem hochkarätigen Schauspiel-Ensemble. Am Beispiel dreier Brüder auf dem Weg zum Glück versucht der extreme Regisseur eine Zustandsbeschreibung dieser Republik, in der so ziemlich alles bröselt und bröckelt. Wenn ironisch "Happy Together" bei der letzten Szene erklingt und die Situation harmonischen Beisammenseins konterkariert, ahnt man die Flüchtigkeit familiären Friedens.

In jeder Familie ist für Roehler "der Wurm drin". Erste feine Ansätze zeigten sich in "Die Unberührbare", das filmische Porträt von Gisela Elsner, einer der bekanntesten Schriftstellerinnen der 60er Jahre und Roehlers Mutter. Jetzt geht er in die Vollen, zerschlägt mit Verve, was noch irgendwie einen Eindruck von heiler Welt macht, auch wenn sich am Ende einige Stücke wieder zusammensetzen. Drei Brüder, drei Schicksale, drei vermurkste Kindheiten. Werner ist Grünen-Politiker und eifernder Verfechter des europäischen Dosenpfandes, er scheint im Erfolg zu schwimmen - eine attraktive Frau, zwei Kinder, Fahrer, Hund und schicke Villa. Alles Makulatur, hinter der Fassade tobt der leise und das Ego verletzende Ehekrieg. Hans-Jörg ist ein bindungsloser Loser, der eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige besucht. Der Hilfsbibliothekar hält sich am Flachmann fest, glotzt knapp bekleideten Studentinnen hinterher und lugt durch ein Loch in der Damentoilette, während er sich befriedigt. Dabei braucht der arme Tropf nur eine Frau, die ihn in den Arm nimmt. Der dritte Spross ist Agnes, eine Tänzerin, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung Frau und Kind hatte, eine tragische Figur in der Zwischenwelt von Nacht und Morgengrauen (sensibel und fragil gespielt von Martin Weiss). Bei der Fahrt zum Vater kommt es zum Eklat, wenn Hans-Jörg Missbrauchsanschuldigungen aus der Vergangenheit heraufbeschwört und das Auto verlässt, während die zwei anderen bei der Visite auf Harmonie machen. Aber nach knapp zwei Kinostunden voller seelischer Entblößung, Beziehungstheater, sexuellen Obsessionen, Krankheit, Tod und Mord ist jegliche Illusion begraben. Roehler erspart irritierende Schocks wie in "Der alte Affe Angst", sein Film wird dadurch nicht gefälliger, sondern eher bewegender. Er ließ sich locker von realen Personen inspirieren, die in einer zugespitzten Wirklichkeit ihre seelischen Wunden lecken - Verzweifelte, denen das Leben zwischen den Händen entgleitet, die bei der Suche nach Liebe und Anerkennung straucheln und dennoch der Sehnsucht danach Raum geben. Trotz thematischer Fallstricke begibt sich Roehler nicht in die Abgründe deutscher Schwermut, sondern verpackt die krude Mischung aus Melodram, Parodie, Satire und Realismus in eine fast graziöse Leichtigkeit, hält den Zuschauer durch beißende Situationskomik bei Laune - vor allem in den Szenen einer Ehe zwischen einer herrlich zickigen Katja Riemann und einem proletenhaft polternden Herbert Knaup oder wenn ein leicht öliger Moritz Bleibtreu seinem Trieb folgt. Nach dem erlösenden Lachen kommt der nächste Hieb. Keine leichte Kost, aber ein leichterer Zugang als bisher zum wüsten Roehler-Universum. mk.

Wertung Questions?

FilmRanking: 3512 >99

Filmwertung

Redaktion
-
User
-
Deine Wertung

Action

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Humor

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Gefühl

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Spannung

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Anspruch

Red.
-
User
-
Deine Wertung

Info

Plakat des Films: Agnes und seine Brüder
  • FSK ab 16 freigegeben

FSK: ab 16

Kinostart: 14.10.2004

Deutschland 2004

Länge: 1 h 51 min

Genre: Drama

Originaltitel: Agnes und seine Brüder

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Oskar Roehler

Musik: Martin Todsharow

Produktion: Stefan Arndt

Kostüme: Lucia Faust

Kamera: Carl-Friedrich Koschnick

Schnitt: Simone Sugg-Hofmann

Ausstattung: Sabine Rudolph

Website: http://www.agnes-derfilm.de/

Newsletter

Hol' dir jetzt den KINO&CO Newsletter!
Der schnelle Überblick über unsere Blockbuster und Top-Gewinnaktionen der Woche.