18.11.2019 Bielefeld
von Oliver Humke

Musik und Film, die beiden lassen sich nur schwer, wenn überhaupt, voneinander trennen. Ohne Frage spielt die Musik eine immens wichtige Rolle im Filmgeschäft – und manchmal ist es die Hauptrolle.


Am B-Movie-Charakter der ursprünglichen Fassung hat sich im Prinzip nichts geändert, das macht schon die Rahmenhandlung klar. In deren Mittelpunkt stehen der überschüchterne Blumenverkäufer Seymour Krelborn (Rick Moranis), die von ihm angehimmelte Kollegin Audrey (Ellen Greene) und eine – Achtung: Spoiler! – außerirdische fleischfressende Pflanze.

Dass Audrey II, wie Seymour die Blume zärtlich tauft, da einen recht besonderen Geschmack an Menschenfleisch entwickelt, erweist sich gerade in Liebesangelegenheiten als klarer Vorteil. Unverschämter, gewalttätiger Nebenbuhler? Kein Problem mehr, sobald die moralischen Bedenken erst einmal überwunden und der Konkurrent restlos an die Pflanze verfüttert ist.

Die abgedrehte Story wird von ebenso obskuren Figuren getragen, das Horrorkomödien-Musical bietet dabei eine ganze Reihe großer Namen auf: Bill Murray beispielsweise als masochistisch veranlagten Patienten von Steve Martin als grauenerregenden Zahnarzt mit Lust am Schmerz anderer. Dazu Kurzauftritte von James Belushi und John Candy.

Nicht zu vergessen die Musik, die in nahezu allen Belangen überzeugen kann – vom romantischen „Somewhere that’s green“ bis zum eindringlichen „Feed me“. Das Gesamtpaket macht den Kleinen Horrorladen deshalb auch nach über 30 Jahren immer noch sehenswert. Ausreichend schwarzen Humor vorausgesetzt.


Wem dieser Musicalfilm gefällt, mag sicher auch:

The Rocky Horror Picture Show. Schwierig, dieses einmalige Stück Popkultur zu beschreiben. Auch wenn es nicht so erfolgreich ist wie der Klassiker“ The Sound of Music“, dürfte die Wirkung der Horror-Sci-Fi-Parodie dennoch weitreichender sein.

Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde der Film zum Kult, passende Verkleidungen und Mitmach-Elemente (sowohl im Kino wie auch bei der Bühnenshow) während der Filmvorführungen inklusive. Außerdem die wahrscheinlich einzige Möglichkeit, Tim Curry als „Sweet Transvestite“ zu sehen zu bekommen. Es gibt also wahrlich genug Gründe für einen Time Warp, um sich vom „Grusical“ begeistern zu lassen.


Der Klassiker: The Sound of Music

Ein bisschen Kitsch, ein bisschen ländliches Idyll, eine Musical-Vorlage mit historischem Hintergrund: Das sind drei Zutaten, die aus „The Sound of Music“ einen der bis heute erfolgreichsten Musik-/Musical-Filme aller Zeiten gemacht haben. Ganz anders als im deutschsprachigen Raum, aus verschiedenen Gründen.

Die Geschichte der österreichischen Familie Trapp, auf der sowohl Musical als auch Filmversion basieren, war bereits in zwei deutschen Heimatfilmen verarbeitet worden, das gezeichnete Österreich-Bild ist außerdem romantisch-verklärt. Dass die Verfolgung durch Nationalsozialisten eine zentrale Rolle spielt, trug im Nachkriegsdeutschland ebenfalls nicht zur Beliebtheit von „The Sound of Music“ (Deutsch: Meine Lieder – Meine Träume) bei.

Vor allem in Amerika liegt der Fall ganz anders, wo das Musical und seine Musikstücke nach wie vor immer wieder rezipiert werden. So sind beispielsweise „My Favorite Things“, „So Long, Farewell“ und andere Lieder seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1965 in Coverversionen bekannter Musiker eingegangen. Schon musikalisch lohnt es sich also, der fünffach Oscar-prämierte Musical-Verfilmung eine Chance zu geben – und wann hätte ein wenig Kitsch jemals geschadet?


Wem dieser Musicalfilm gefällt, mag sicher auch:

Singin‘ in the Rain. Der Titelsong ist und bleibt unvergessen, aber ob das auch für den dazugehörigen Film gilt? Man kann es nur hoffen, denn „Singin‘ in the Rain“ (im Deutschen übrigens „Du sollst mein Glücksstern sein“) entstand Anfang der 1950er Jahre, also zu einer Zeit, als Ginger Rogers, Fred Astaire und der unglaubliche Gene Kelly, der hier die Hauptrolle spielt, die Verbindung von Revue-Show und Film längst zur populären Kunstform erhoben hatten.

So ist „Singin’ in the Rain“ ein durch und durch gelungenes Beispiel für das, was Musicalfilme bieten können – vor dem Hintergrund der ersten Tonfilme, mit einem Einblick in die Arbeit hinter die Kulissen (u.a. mit Requisiten aus „Quo Vadis“ als Easter Egg) und einer opulenten Ausstattung. Unterhaltung pur also, selbst nach über 60 Jahren noch.


Der moderne Ansatz: Greatest Showman

Unterhaltungswert hat auch „Greatest Showman“ mit Hugh Jackman, der wie Singin‘ in the Rain nicht nur mit der musikalischen Darbietung, sondern genauso mit Kostümen und Bühnenbild begeistert. Jackman, der seine Karriere beim Musical startete, erzählt hier mit Michelle Williams, Zac Efron, Rebecca Fergusson und Zendaya die Geschichte von P.T. Barnum und seinem Zirkus als nahezu klassische Version des amerikanischen Traums.

Eine Biografie ist Greatest Showman trotz der Anleihen nicht geworden, sondern eine große Show rund um das Träumen, Zusammenhalt und Familie. Der historische Hintergrund bietet dazu bietet dazu bloß den losen Rahmen und die Kulisse, beides wird mit modernen Popsongs verbunden, die man nur schwer wieder loswird – vom Jackman-Efron-Duett „The Other Side“ über „Never Enough“ bis hin zu Settles großem Auftritt mit „This Is Me“.

Ungeachtet der historischen Ungenauigkeiten, der vergleichsweise vorhersehbaren Story und dem oftmals fehlenden Tiefgang einzelner Figuren ist das Ergebnis genau das, wonach auch P.T. Barnum seinerzeit gesucht hat: ein gewaltiges Spektakel für die ganze Familie.


Wem dieser Musicalfilm gefällt, der mag auch:

La La Land. Was käme wohl dabei heraus, wenn der schon genannte Gene Kelly und Jazzlegende Thelonius Monk zusammen einen Musicalfilm gemacht hätten? Regisseur Damien Chazelle hat mit „La La Land“ seine eigene Antwort darauf gefunden und eine moderne Fassung der klassischen Filmmusicals im Stile von „Singin‘ in the Rain“ geschaffen.

Der Erfolg des Endergebnisses, das von Ryan Gosling und Emma Stone in den Hauptrollen getragen wird, gab Chazelle mit seinem Bestreben, die Traditionen des Musicalfilms wiederaufleben zu lassen unbedingt Recht: Über 240 Nominierungen für Preise, mehr als 200 davon konnte „La La Land“ gewinnen, davon allein sechs Oscars, sieben Golden Globes und zwei Grammys – um nur eine kleine Auswahl der Auszeichnungen zu nennen, die die Qualität dieses Films eindrucksvoll bezeugen.


Weitere sehenswerte Vertreter des Musicalfilm-Subgenres:

  • Dancer in the Dark
  • Hair
  • High School Musical
  • Les Misérables
  • Mamma Mia
  • Mary Poppins
  • Moulin Rouge
  • Westside Story


Biopic

Bohemian Rhapsody“, „Rocketman“ und „Amazing Grace“ sind drei jüngere Beispiele dafür, wie unterschiedlich Musikerbiografien filmisch umgesetzt werden können. Zwischen dokumentarischem Charakter, Musical-ähnlichem Spektakel und absoluter Unkonventionalität ist vieles denkbar, um Lebenswege und musikalische Werdegänge nachzuzeichnen.


Die unkonventionelle Filmbiografie: I’m not there

Zugegeben, bei einem Biopic über Bob Dylan eine konventionelle Erzählung zu erwarten, würde dem Sänger und Songwriter vermutlich gar nicht gerecht. Seit fast 60 Jahren steht Dylan auf den Bühnen der Welt, hat in dieser Zeit unvergessliche Musikstücke erschaffen und ist nach all dieser Zeit trotzdem immer noch ein Rätsel. Was einerseits an seinen vielschichtigen Kompositionen liegt, die sich nicht so leicht erschließen, wofür er andererseits aber auch selbst verantwortlich ist: Dylan ist charismatisch, widersprüchlich, provokant, anders.
[youtube id:JinWAXsvA2M
Wie also soll man jemanden in einer Filmbiografie einfangen, der als Songschreiber-Genie gilt (inklusive Literaturnobelpreis), das viele einfach nicht verstehen können und der sich im Laufe der Zeit ständig neu erfunden hat? Regisseur Todd Haynes versuchte es mit „I’m not there“ aus dem Jahr 2007 gar nicht erst mit konventionellen Mitteln, sondern widmete sich stattdessen einigen der markanteren Wesensmerkmale und Schaffensphasen des Sängers.

Das Resultat verwebt ‚reale‘ und abstrakte Szenen zu einem Gesamtkunstwerk, in dem die unterschiedlichen Facetten von Dylans Persönlichkeit von verschiedenen Darstellern verkörpert werden: Christian Bale, Heath Ledger, Richard Gere und eine geniale Cate Blanchett gehören zu den bekannteren Gesichtern, die hier ihre jeweiligen Interpretationen des Ausnahmekünstlers wirklich zum Besten geben – in einem Biopic, so einzigartig wie Bob Dylan selbst.


Wem dieses Biopic gefällt, der mag auch:

Amadeus. Weder musikalisch noch stilistisch liegen sich die beiden Filme sonderlich nah, dennoch ist unverkennbar, dass auch bei „Amadeus“ ein etwas anderer Zugang zur Biografie des porträtierten Künstlers gewählt wurde. Das liegt zum einen an der Grundlage des Films (basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer), zum anderen am Blickwinkel: Erzählt wird die Geschichte des jungen Wolfgang Amadeus Mozart aus der Perspektive seines Rivalen Salieri (gespielt von Fahrid Murray Abraham, der hierfür den Oscar erhielt), was die biografischen Freiheiten erklärt.

Der historische Mozart ist hauptsächlich durch die Musik greifbar, ansonsten ist sein Bild in nahezu jeder Hinsicht überzeichnet, wie man es bei der Schilderung durch einen eifersüchtigen Konkurrenten erwarten kann – gefasst in eine Opulenz und Detailversessenheit, die „Amadeus“ 1985 insgesamt acht Oscars einbrachte. Aber auch ohne die Auszeichnungen bleibt eine immer noch sehenswerte Quasi-Biografie des Ausnahmekomponisten.


Die Autobiografie im Film: Almost Famous

Eine völlig andere Art der Erzählweise erwartet die Zuschauer in „Almost Famous“ (Deutsch: Fast berühmt). Die ist konventionell, führt durch die (autobiografischen) Erfahrungen eines jungen Rock-Fans, der allzu gerne Musikjournalist werden und im Rolling Stone veröffentlichen möchte – im wahren Leben eine Titelstory über die Allman Brothers. Cameron Crowe hat in diese Hommage an die Rockmusik der 1970er Jahre Teile seiner eigenen Geschichte eingeflochten.

Crowes Liebe zu dieser besonderen Zeit, zu ihrer Musik und dem Lebensgefühl ist immer spürbar. Dass der Film dadurch an Ecken und Kanten verliert, die Story in einigen Aspekten überzeichnet ist, verschiedentlich die üblichen Klischees aufgreift und in einem Happy End ausklingt – wer will sich darüber beklagen? Damit gibt „Almost Famous“ insgesamt genau die romantisch-naive Sichtweise auf den Rock’n’Roll der damaligen Zeit wieder, von der auch sein Protagonist ergriffen ist und fängt damit im Grunde perfekt das Gefühl nostalgische Gefühl ein, dass auch Crowe bei der Entstehung dieses Films getragen haben dürfte – und die ihm den Oscar für das beste Drehbuch einbrachte.

Musikalisch ist dessen autobiografische Nacherzählung seiner Zeit auf Tour mit den Allman Brothers (im Film ist es die fiktive Band Stillwater, die auch gleich ein paar eigene Songs spendiert bekam) ohnehin ein Highlight: Simon and Garfunkel, The Who, Beach Boys, Rod Stewart, Lynyrd Skynyrd, Led Zeppelin, David Bowie, Elton John, Cat Stevens – ein Who is Who der größten Musiker überhaupt untermalt die Coming-of-Age-Geschichte des jungen William Miller und seiner Liebe zur Rockmusik.

Übrigens besteht inzwischen, 18 Jahre nach Erscheinen des Films, auch die alternative Möglichkeit, „Almost Famous“ als Musical zu sehen. Voraussetzung ist allerdings eine Reise nach San Diego.


Wem dieses Biopic gefällt, der mag auch:

Rocketman. Schon mehrfach genannt, ist die verfilmte Elton John-Biografie mit Taron Egerton in der Hauptrolle für Musikliebhaber und Fans der 1970er ein Muss. Vieles erinnert deshalb an „Almost Famous“ und doch ist „Rocketman“ natürlich ganz anders. Zum einen, weil hier eben der Künstler selbst mit seinen Höhen und Tiefen im Vordergrund steht. Zum anderen, weil die musikalischen Einlagen nicht einfach ein Element des Films sind, sondern diesen über das bloße Erzählen einer Geschichte hinausheben.

Manchmal sogar im wahrsten Sinne, so in der Szene von Johns erstem Auftritt im Troubadour- Club von Los Angeles: Der „Rocketman“ spielt und singt – und die Leute im Raum beginnen zu schweben. Der Film ist daher mehr als das, mehr ein Musical als eine trockene Biografie. So wie es der Künstler selbst gewünscht hat, der eben kein Durchschnittsleben geführt hat und deswegen weder Glanz noch Schatten verbergen wollte.

Wer also einen ungefähren Eindruck davon erleben möchte, wie sich diese einzigartige Musikerkarriere im Kopf von Elton John bisweilen angefühlt haben muss, ist hier genau richtig.
Weitere sehenswerte Vertreter des Biopic-Subgenres:
  • 8 Mile
  • Bohemian Rhapsody
  • Control
  • Love & Mercy
  • Ray
  • Sid and Nancy
  • Straight Outta Compton
  • Walk the Line


Tanzfilm

Ein weiterer Beweis dafür, wie schwierig eine klare Abgrenzung der verschiedenen Gattungen des Musikfilms ist: der Tanzfilm. Immerhin wird auch in Musicals getanzt, dort ist es aber letztlich nur Mittel zum Zweck und gehört schlichtweg zu den Gesangseinlagen dazu.

Was ein echter Tanzfilm ist, der stellt die Choreographie und das Tanzen selbst in den Mittelpunkt. Hier ist das Verhältnis von Tanz und Musik gewissermaßen umgekehrt. Aber so ganz ohne Musik funktioniert es eben doch nicht.

Übrigens wird in keiner anderen Sprache als dem Deutschen überhaupt versucht, den Tanzfilm sprachlich als eigenes Genre zu definieren. Höchstwahrscheinlich gerade deswegen, weil Musik und das sich dazu Bewegen nur schwer voneinander zu trennen sind. Trotzdem sind einige Filme eindeutig und folgerichtig mehr dem Tanzen zugewandt.


Die Wiederbelebung der Tanzfilme: Saturday Night Fever

Wer Tanzfilm sagt, muss auch John Travolta sagen. Lange vor seiner denkwürdigen Einlage mit Uma Thurman in „Pulp Fiction“ und bevor er sich in „Grease“ als Hollywood-Star endgültig etablieren konnte, war der junge Travolta mit seinem Auftritt in „Saturday Night Fever“ einer der Gründe für die Disco-Welle der ausklingenden 1970er Jahre.

Doch so unbeschwert das klingt, ist der Film letztlich nicht. Bei all den schillernden Disco- und Tanz-Szenen ist Saturday Night Fever auch ein vergleichsweise authentisches Abbild der Lebensbedingungen innerhalb einer besonderen Subkultur im New York der 1970er. Das ist eben keineswegs das unbeschwerte Tanzen, sondern eine große Portion Konflikt, Frustration und Gewalt.

John Travolta
© Shutterstock.com

Zu sehr an die Oberfläche geraten diese Themen jedoch selten. Im Gedächtnis bleiben deshalb in erster Linie die tänzerischen Leistungen und ein Soundtrack, der nichts von seiner Qualität verloren hat. „Stayin‘ Alive“ ist nicht nur Titelsong, sondern gleichermaßen das Motto für die Musik zum Film, mit der die Bee Gees einige unsterbliche Nummern geschaffen haben.


Wem dieser Tanzfilm gefällt, der mag auch:

Grease und Co. Noch einmal Travolta, noch einmal ein Film der ausklingenden 1970er Jahre, in denen Tanzfilme generell ein Revival erlebten. „Grease“ und „Saturday Night Fever“ stehen somit nur stellvertretend für eine ganze Reihe Kult gewordener Werke wie „Fame – Der Weg zum Ruhm“, „Flashdance“, „Footloose“, „A Chorus Line“ oder den unsterblichen Klassiker „Dirty Dancing“.

Was sie allesamt, ohne Ausnahme auszeichnet, sind unvergessliche Tanzmomente und Musik, mit denen das Lebensgefühl der damaligen Jugend aufs Positivste transportiert wird. Das wirkt nicht nur für heutige Zuschauer nostalgisch. Dabei sind die Themen auch in jüngeren Tanzfilmproduktionen immer noch präsent: die Rebellion der Jugend, das Verfolgen der eigenen Träume, Liebe, Rückschläge, Freiheit.

In dieser Hinsicht hat sich kaum etwas geändert, selbst wenn der Anteil an Schlaghosen, Geltollen und Aerobic-Outfits deutlich gesunken ist. Am Ende geht es immer darum zu vermitteln, was das Tanzen bedeutet und was es ausdrücken kann.


Weitere sehenswerte Vertreter des Tanzfilm-Subgenres:

  • A Chorus Line
  • Billy Elliott
  • Center Stage
  • Dirty Dancing
  • Flash Dance
  • Save the last Dance
  • Step Up-Reihe
  • Strictly Ballroom