13.11.2020
von Dominique Rose und Wencke Schimmelpfennig

Trotz großem und umfangreichem Programm ist es doch manchmal gar nicht so einfach beim Streaminganbieter Amazon Prime Video den richtigen Film zu finden. Um euch die Wahl etwas zu erleichtern, haben wir hier einmal fünf der großen Klassiker, die es derzeit bei Prime zu sehen gibt, sowie fünf ganz besondere Geheimtipps unserer Redaktion für euch zusammengestellt.



Kommen wir zuerst zu einem DER Klassiker der Kinogeschichte – Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Lose auf Joseph Conrads Erzählung „The Heart of Darkness“ basierend, hat Coppola nämlich einen meisterhaften Antikriegsfilm erschaffen, in dem sich Marlon Brando und Martin Sheen in einem erbitterten Zweikampf gegenüberstehen, bei dem es um weitaus mehr geht als nur Leben und Tod.
Dem Offizier Colonel Willard wird der Auftrag übergeben, sich tief in den vietnamesischen Dschungel zu begeben, um dort Colonel Kurtz ausfindig zu machen. Dieser einstige Elitesoldat scheint nämlich außer Kontrolle und Willard soll nun versuchen, ihn entweder zur Raison zu bringen oder ihn seines Amtes zu entheben.

„Apocalypse Now“ handelt zwar von dem Vietnamkrieg, ist dabei aber viel mehr als nur eine Zurschaustellung des Krieges und gewaltiger Knalleffekte. Coppolas Meisterwerk ist ein Bildnis der Abgründe, die ein Krieg in die Seele eines jedes Soldaten reißt. „Apocalypse Now“ ist einer der Klassiker, den wirklich jeder, egal ob Cineast oder Mainstreamer, mindestens einmal gesehen haben sollte.

 

Der Pianist



Das Zweite Weltkriegsdrama „Der Pianist“ ist wahrlich ein Film, der es verdient hat als Meisterwerk bezeichnet zu werden. Roman Polanski zeichnet darin ein bis ins Detail authentisches Abbild des Lebens im Warschauer Getto während der deutschen Invasion, wobei der Film zudem auf wahren Begebenheiten beruht.
 
Der Film begleitet den Lebens- und Leidensweg des jungen polnisch-jüdischen Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpielman, der zunächst zusammen mit seiner Familie ins Warschauer Getto verfrachtet und später mit ihnen nach Treblinka deportiert werden soll. Allerdings gelingt ihm als Einzigem die Flucht und so muss er fortan als Zaungast, versteckt in immer wechselnden Unterschlüpfen, mit ansehen, wie das jüdische Volk nach und nach verschleppt, getötet und bis zum Äußersten gequält wird. Am Rande der Verzweiflung und des Wahnsinns gelingt ihm jedoch ein schier unglaublicher Überlebenskampf. der zudem auf einer wahren Geschichte beruht.
                                
Für seine überaus authentische, intensive wie herausragende Darstellung des Pianisten Szpielman erhielt Hauptdarsteller Adrien Brody mehr als verdient den Oscar und erhielt sogar von Zeitgenossen Szpielmans überaus positive Kritiken. Polanski, der in diesem Film auch seine eigenen Erfahrungen verarbeitet, wurde ebenfalls mit dem Oscar für die Beste Regie geehrt.

 

Mulholland Drive



Herzlich Willkommen in der verworrenen Welt von Ausnahme-Regisseur David Lynch. Wie schon viele seiner früheren und auch späteren Werke ist „Mulholland Drive“ eine Ansammlung von Symbolen, mysteriösen Fügungen und einer Handlung, die mit jeglichen uns bekannten Erzählstrukturen bricht.
 
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei junge Frauen, die sich zufällig in Hollywood begegnen. Die dunkelhaarige „Rita“, wie sie sich nennt, ist gerade einem Mordanschlag entgangen, hat zudem einen schweren Autounfall überlebt und sucht nun Zuflucht in einer leerstehenden Wohnung. Dort begegnet sie der blonden Betty, der Nichte der Wohnungsinhaberin, die hier einige Zeit verbringen will. Rita gesteht Betty, dass sie ihr Gedächtnis verloren hat und sich nicht mehr daran erinnern kann wer sie ist, worauf sich die beiden Frauen daran machen „Ritas“ Identität aufzudecken. So entwickelt sich eine sehr mysteriöse Geschichte rund um Mord, Liebe und Eifersucht, die jedoch so manche Fragen unbeantwortet lässt.
 
David Lynch ist ein Meister des verstörenden und höchst verwirrenden Kinos, der es auch in „Mulholland Drive“, einem seiner wohl herausragendsten Filme, wieder meisterlich schafft seine Zuschauer in die Verzweiflung zu treiben. Da er dies jedoch auf so unglaublich ästhetische wie faszinierende Weise tut, verzeiht man ihm die Fragezeichen am Ende gerne.

 

Die Reifeprüfung



Mit der Tragikomödie „Die Reifeprüfung“ von Regisseur Mike Nichols findet sich in unserer Liste nicht nur eine der wenigen Komödien, sondern auch ein Film, der mit Recht als zeitloser Klassiker bezeichnet werden darf.

Eigentlich stehen Benjamin Braddock alle Türen offen. Er ist jung, hat sein College mit Auszeichnung abgeschlossen und badet dank seiner wohlhabenden Eltern in Reichtum. Doch kurz vor seinem 21. Geburtstag scheint Benjamin plötzlich nicht mehr zu wissen, was er will, was durch seine Schüchternheit nicht gerade erleichtert wird.

So fängt er auch eher widerwillig eine Affäre mit der deutlich älteren Mrs. Robinson, einer Freundin seiner Eltern, an. Kompliziert wird das Ganze aber erst, als Benjamin sich in Elaine, die Tochter der Robinsons, verliebt.

Es ist nicht nur die simpel gestaltete Handlung, die wunderbar unaufgeregt scheint, die „Die Reifeprüfung“ zu einem Klassiker macht. Es sind auch die Schauspieler, allen voran Dustin Hoffman und Anne Bancroft, die mit ihrer Darbietung den Film zu einem echten Hingucker avancieren ließen.

 

Scarface



Ein weiterer Platz in unserer Riege an Klassikern geht an einen weiteren legendären Film. 1983 schuf Ausnahmetalent Brian De PalmaScarface“ und versetzt den amerikanischen Traum „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ in die Unterwelt Floridas.

Dort regiert Antonio „Tony“ Montana ein ganzes Kokain-Imperium. Sein Weg dorthin war aber alles andere als einfach. Als der kubanische Diktator Fidel Castro den Hafen von Mariel öffnen ließ, wurden nicht nur entzweite Familien wieder zusammengeführt, sondern auch Oppositionelle, Kranke und Verbrecher nach Amerika gebracht. Zu diesen gehörte auch Tony, der schon damals für sein hitziges Temperament berüchtigt war. Kaum kam er in Florida an, legte er sich bereits mit den Grenzbeamten an, tötete einen einstigen Kommunisten und zog somit die Aufmerksamkeit des gewieften Drogendealers Lopez auf sich. Nun hat er sich an die Spitze von Miamis Unterwelt gekämpft, jedoch steht er kurz davor einen folgenschweren Fehler zu begehen.

„Scarface“ ist einfach episch, und zwar nicht nur wegen seiner Länge von fast drei Stunden und De Palmas einzigartigen Regiebegabung. Es ist vor allem das unnachahmliche Talent des Schauspielers Al Pacino, der als Tony mit einer solch brachialen Präsenz auftritt, dass er „Scarface“ von ganz alleine zu tragen scheint.

 

Unsere Geheimtipps

In unseren Geheimtipps findet ihr mehr oder weniger bekannte Filmtitel vor allem aus dem Bereich des Independent-Films, die vielleicht nicht unbedingt die breite Masse der Filmfans ansprechen. Cineasten werden bei diesen Filmen jedoch voll und ganz auf ihre Kosten kommen, zeichnen sich die Produktionen doch nicht nur durch ihre künstlerische Gestaltung, sondern vor allem auch durch ihre inhaltliche Relevanz aus.
 

Porträt einer jungen Frau in Flammen



Das französische Historiendrama „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Regisseurin Céline Sciamma zählt zu den beeindruckendsten und außergewöhnlichsten Independent-Produktionen der letzten Zeit und sollte längst kein Geheimtipp mehr sein.
 
Frankreich im 18. Jahrhundert: Die junge Malerin Marianne wird mit dem Porträt der jungen Adligen Héloïse beauftragt, das als Geschenk an ihren Verlobten gedacht ist. Diese weigert sich jedoch für dieses zu sitzen, da sie sich vehement gegen die Hochzeit ausspricht, die ihre Mutter organisiert hat. Marianne soll sich nun als ihre Gesellschafterin tarnen, um heimlich ein Porträt der schönen jungen Frau aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Mit der Zeit hegt sie jedoch Zweifel an der Richtigkeit ihres Auftrags, zumal sie eine tiefe Freundschaft zu Héloïse verbindet, die noch viel mehr in sich trägt.
 
Die französische Regisseurin wirft hier einen deutlich weiblich geprägten Blick auf eine Epoche, die zumeist nur durch die männliche Sichtweise definiert wurde und nun ganz neue Facetten bekommt. So zeichnet sich ihr Film vor allem durch seine starken Frauenrollen aus, die mit sämtlichen Konventionen und damaligen Moralvorstellungen brechen.

 

Die Taschendiebin



Nachdem sich der südkoreanische Regisseur und Schaffer von Meisterwerken, wie „Oldboy“ und „Durst“, Park Chan-wook, mit seinem Psycho-Thriller „Stoker“ einen Ausflug in das amerikanische Kino gönnte, widmete er sich mit seinem letzten Film „Die Taschendiebin“ wieder dem südkoreanischen Kino.
 
Seine Geschichte um eine reiche Erbin, die von einem Hochstapler und einem Dienstmädchen um ihr Vermögen gebracht werden soll, sich jedoch in eben dieses Dienstmädchen verliebt, den Plan umdreht und die Männer hinters Licht führt, spaltete die Kritik. Grund des Aufruhrs ist eine en détail dargestellte Liebesszene zwischen der schönen Erbin und ihrem Dienstmädchen. Park Chan-wook bediene lediglich Männerphantasien hieß es, wobei dabei außer Acht gelassen wird, dass es eben die beiden starken Frauenrollen sind, die hier die Männer alt aussehen lassen und deren Liebesszene vielmehr ein rebellischer Befreiungsakt ist.
 
Zudem begeistert „Die Taschendiebin“ mit wunderbaren Aufnahmen, Szenerien und Kostümen, die uns in die Zeit der 1930er Jahre Koreas und Japans eintauchen lassen. Gekrönt wird das Ganze noch mit den herausragenden schauspielerischen Leistungen der beiden Protagonistinnen, gespielt von Kim Min-hee und Kim Tae-ri. Wobei besonders letztere überrascht, handelt es sich hierbei doch um ihr Spielfilmdebüt.

 

Dancer in the Dark



Björk, oh wunderbare, oh sensible und bemitleidenswerte Björk. Lars von Triers etwas anderes Musical „Dancer in the Dark“, in dessen Mittelpunkt die isländische Ausnahmekünstlerin Björk steht, erzählt die tragische Geschichte einer tschechischen Einwanderin, die nach Amerika kommt. Selma, wie die junge Mutter heißt, leidet an einer schweren Augenkrankheit, die langsam zu ihrer Erblindung führt und sich auch auf ihren Sohn vererbt hat. Um wenigstens seine Augenoperation bezahlen zu können, schuftet sich Selma bis an den Rand der Erschöpfung. Nach einem Zwischenfall in der Fabrik, aufgrund ihrer stetig voranschreitenden Erblindung, wird sie jedoch entlassen. Um ihrem Sohn das Augenlicht zu bewahren ist Selma bereit alles zu opfern, sogar sich selbst.
 
„Dancer in the Dark“ ist ein künstlerisch außergewöhnlicher Film, der das Genre des Musicals einmal in einer ganz neuen Facette erscheinen lässt. In ihrer Verzweiflung bis zum Äußersten getrieben, opfert eine junge Mutter alles, um ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen. So mischen sich hier Musical und Thriller zu einer tragischen und sensiblen Parabel des Lebens. Untermalt wird das Ganze mit den melancholischen Stücken Björks, die für ihre äußerst sensible und herausragende Darstellung der Selma, trotz fehlender schauspielerischer Ausbildung, vielfach mit Filmpreisen geehrt wurde.

 

Short Term 12 – Stille Helden



Short Term 12 - Stille Helden“ ist ein sehr aufwühlendes wie berührendes Drama, in dessen Mittelpunkt die junge Betreuerin Grace steht, die in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit sozialen und psychischen Problemen arbeitet. Während ihrer Arbeit wird sie auch persönlich immer wieder von den Schicksalen der Kinder berührt. Als die aggressionsgestörte Jayden jedoch in ihre Einrichtung kommt, beginnt für Grace eine schwierige Zeit, da sie sich zwar mit der 15-Jährigen anfreundet, deren Probleme jedoch ihre eigene schwere Vergangenheit zurück ans Tageslicht bringen und Grace vor eine schwierige Entscheidung stellen.
 
Das Drama von Regisseur Destin Daniel Cretton behandelt mit seinem Film ein sehr sensibles Thema, das hier äußerst empathisch aufgegriffen wird und den Zuschauer in die Perspektive nicht nur der Kinder, sondern auch der Betreuer solcher Einrichtungen versetzt. „Short Term 12 – Stille Helden“ gewinnt vor allem durch die beeindruckende und intensive Performance von Brie Larson in der Rolle der Grace unglaublich an Tiefe und Authentizität, wobei auch ihre Schauspielkollegen John Gallagher Jr. und Rami Malek ihren Anteil am Erfolg des Filmes beitragen.
 

Capernaum



Nadine Labakis libanesisches Sozialdrama „Capernaum - Stadt der Hoffnung“ ist eine schonungslose Darstellung des Lebens im Libanon. Der Film zeigt vor allem die Missstände der prekären Klassen auf, die sich immer mehr in einer Abwärtsspirale befinden, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt.
 
„Capernaum – Stadt der Hoffnung“ ist vor allem aber auch die Geschichte des kleinen Jungen Zain, der mit gerade einmal zwölf Jahren vor Gericht steht. Jedoch nicht als Angeklagter, sondern als Kläger, denn er verklagt seine Eltern dafür, ihn auf die Welt gebracht zu haben. Von diesem Ausgangspunkt berichtet der Film von Zains schwerem Leben in den Slums Beiruts unter widrigsten Bedingungen und seinem täglichen Kampf ums Überleben.
 
Nach seiner Premiere auf dem Filmfestival von Cannes gab es sagenhafte 15 Minuten stehende Ovationen für diesen berührenden, verstörenden und gleichzeitig mitreißenden Film, der im Anschluss auch noch den Preis der Jury für sich beanspruchen durfte. Auch wenn es für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nicht ganz gereicht hat, ist „Capernaum“ ganz klar ein Publikumsliebling, konnte er doch einen Publikumspreis nach dem anderen auf den verschiedensten Filmfestivals verzeichnen.


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