Claudia Eisinger als Prachtexemplar eines Mängelexemplars in Sarah Kuttners Bestseller-Verfilmung.

Kinostart: 12.05.2016

Die Handlung von Mängelexemplar

Endzwanzigerin Karo surft auf der Überholspur durch ihr Leben als Eventmanagerin in Berlin. Sie organisiert coole Partys und ist immer gut drauf, genau wie ihr Freund Philipp. Eigentlich geht sie davon aus, dass das immer so weiter geht.

Bis sie erst ihren Job, dann den Freund verliert. Denn für ihn ist das Nervenbündel längst ebenso ein Problem wie für ihre Chefin und einen Baumarktmitarbeiter, der sie nach einem Wutausbruch in Gewahrsam nimmt.

Als auch ihre beste Freundin irgendwann nichts mehr von ihr wissen will, dämmert Karo: Es stimmt, mit mir stimmt etwas nicht. „Depression ist ein fucking Event“, sagt die Psychologin, die sie aufsucht. Mutig, aber ohne ihren Humor zu verlieren, beginnt Karo, dagegen anzukämpfen.

Laura Lackmann gibt mit der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von TV-Moderatorin Sarah Kuttner ihr Spielfilmdebüt. Phantasievoll und wild entsteht ein buntes, ironisches Berlin-Ambiente.

An der Seite von Hauptdarstellerin Claudia Eisinger überzeugen starke Frauen wie Laura Tonke, Katja Riemann und Barbara Schöne.

Kritik zu Mängelexemplar

Eine Depression ist ein fucking event! - Eine junge Berlinerin kämpft sich tapfer durch eine depressive Phase in Sarah Kuttners glänzend besetzter Bestsellerverfilmung

Das Thema Depression publikumstauglich fürs Kino aufzubereiten ist nicht ganz einfach. Aus den letzten Jahren gibt es entsprechend wenige Filmbeispiele, darunter "Melancholia", "Helen" oder "Der Biber". Prominentester Fernsehpatient war James Gandolfini in "Die Sopranos". In der vermeintlich sorgenfreien Gesellschaft junger westlicher Großstädter passt eine Depression nicht ins Bild. Umso erstaunlicher, dass die ehemalige VIVA- und MTV-Moderatorin Sarah Kuttner in ihrem Debütroman 2009 die Geschichte einer depressiven Frau erzählt. Der Roman avancierte rasch zum Bestseller. So war es nur eine Frage der Zeit, bis er verfilmt wurde, nachdem bereits zwei Romanadaptionen von VIVA-Kollegin Charlotte Roche den Weg ins Kino gefunden hatten.

Erzählt wird die Geschichte von Karo, einer quirligen Endzwanzigerin in Berlin, die erst ihren Job als Event-Managerin verliert und dann ihren langjährigen Freund. Selbst ihre beste Freundin will nichts mehr von ihr wissen. Mit ihrer fordernden Art strapaziert Karo die Geduld ihrer Mitmenschen. Sie hat ihre Emotionen immer weniger unter Kontrolle, bekommt Panikattacken und erkennt, dass sie etwas ändern muss. Eine Psychotherapeutin diagnostiziert eine depressive Verstimmung und Karo beginnt beherzt eine Therapie. Doch trotz der liebevollen Zuwendung durch einen platonischen Freund, ihre Mutter und ihre Oma wird erst einmal alles schlimmer.

Kuttners Stärke als Moderatorin und Autorin ist ihr aufgekratztes Drauflosquasseln, ihre heiter-belanglosen, aber immer wieder auch präzisen Alltagsbetrachtungen. Sie hat ihren ersten Roman in der Ich-Form geschrieben und so kommentiert auch Karo ausführlich alles und jeden und natürlich ihren Seelenzustand. So etwas für die Leinwand zu adaptieren, ist keine leichte Aufgabe. An die hat sich dffb-Absolventin Laura Lackmann gewagt, die nach einigen prämierten Kurzfilmen mit "Mängelexemplar" ihr Spielfilmdebüt gibt. Damit der Tonfall des Romans nicht verloren geht, hat auch die Film-Karo einen ausgeprägten Mitteilungsdrang und kommentiert das Geschehen aus dem Off. Claudia Eisinger ("13 Semester", "Wir sind die Neuen") spielt Karo überzeugend nervig. Lackmann balanciert Karos Ich-Bezogenheit mit einigen starken Nebenfiguren aus, die im Film einen größeren Raum einnehmen als im Roman und allesamt wunderbar besetzt sind. So überzeugt z.B. Katja Riemann als Karos Mutter mit einem angenehm zurückhaltenden, ernsten Spiel. Maren Kroymann ist charmant als mütterliche Therapeutin in ihrem in sanften Brauntönen gehaltenen Sprechzimmer und Detlev Buck taucht kurz als Karos geschiedener Vater auf. Einen besonders starken Auftritt hat Laura Tonke als beste Freundin, die in Kreuzberg eine Eck-Kneipe betreibt und sich gerne mit Schnaps und Pillen abschießt. Mit Unbehagen beobachtet sie, wie ihr Viertel und ihre Kneipe immer mehr zum Trendspot werden und zum Wochenende "die Rollkoffer-Spastis" anrücken, ein partyfreudiges, finanzkräftiges Publikum.

Bilder von weinend im Bett liegenden Menschen geben naturgemäß keinen besonders attraktiven Leinwandstoff ab. Die Regisseurin bemüht sich nach Kräften, Karos Tristesse mit ironischen Sprüchen ("In einer Welt, in der man nicht mehr weiß, ob ein Mann einen Schnurrbart zum Spaß trägt oder im Ernst, da möchte ich nicht leben"), bunten Berlin-Bildern und kleinen Spielereien aufzulockern. So gehen in ganz Berlin die Lichter aus, wenn Karo den Mut verliert, sitzen auch Mal Karos inneres Kind oder ihr Ex-Freund mit ihr auf dem Therapeuten-Sofa. Hübsch beobachtet ist auch das angestrengte Kategorisieren der Partner-Beziehungen der 30-Jährigen, die die Dinge nicht unverkrampft auf sich zukommen lassen kann. Wie oft darf man pro Woche beim anderen übernachten, ohne sich eine ernsthafte Beziehung eingestehen zu müssen?

Der Film ist am Ende mehr Drama als Komödie und transportiert die Message, die auch Kuttner in ihrem Roman verbreitet. Depression ist eine Krankheit, die jeden treffen kann, aber heilbar ist. Oder wie Karos pseudo-cooler Psychiater es ausdrückt: "Eine Depression ist ein fucking Event!" zim.

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Info

  • FSK ab 12 freigegeben

FSK: ab 12

Kinostart: 12.05.2016

Deutschland 2016

Länge: 1 h 52 min

Genre: Drama

Originaltitel: Mängelexemplar

Regie: Laura Lackmann

Drehbuch: Laura Lackmann

Musik: Jan Weigel

Produktion: Jochen Laube, Leif Alexis

Kostüme: Juliane Maier

Kamera: Sten Mende

Schnitt: Gergana Voigt

Ausstattung: Thomas Goldner